Stand: 27.01.2023 08:30 Uhr

Auch wegen des Ukraine-Kriegs setzt Deutschland bei der Energieversorgung inzwischen verstärkt auf Flüssiggas. Die ersten LNG-Terminals im Norden sind in Betrieb – die Importmenge steigt stetig.

von Claus Hesseling,
Isabel Lerch

Schwimmende Terminals sollen Deutschland mit Flüssigerdgas (LNG) versorgen: Zwei sind bereits in Betrieb, weitere sind in Bau oder Planung. In Wilhelmshaven hat der Regelbetrieb bereits begonnen und auch aus Lubmin fließt testweise Erdgas aus sogenannten Floating Storage and Regasification Units (FSRU) ins deutsche Netz. Am 20. Januar ist zudem das schwimmende LNG-Terminal “Höegh Gannet” in Brunsbüttel offiziell in Empfang genommen worden. Der Regelbetrieb soll im Februar starten. Die Grafik zeigt die täglichen LNG-Importe nach Deutschland im Vergleich mit der insgesamt importierten Erdgasmenge:

Auch im Vergleich zu den Importen aus anderen Ländern (in der obigen Grafik durch Umschalten zu sehen) wird deutlich: Der LNG-Anteil am gesamten Erdgas-Import nach Deutschland ist noch gering. Er soll aber steigen, je mehr der Flüssiggas-Terminals angeschlossen werden.

Erstes LNG-Terminal in Wilhelmshaven in Betrieb

Ein paar Tage früher als erwartet hatte das erste deutsche LNG-Terminal in Wilhelmshaven kurz vor Weihnachten Gas ins Netz eingespeist. Dort dient das Terminalschiff “Höegh Esperanza” als schwimmende Entladestation für LNG-Tanker. Auf dem Schiff wandeln Wärmetauscher das Erdgas von einem sehr kalten flüssigen Zustand in einen gasförmigen, bevor es in die Pipeline gepumpt wird. Inzwischen – genau einen Monat nach der offiziellen Inbetriebnahme – ist das Terminal in den Regelbetrieb gestartet. Das teilte der Gasimporteur Uniper am 17. Januar mit.

“Höegh Esperanza” in Wilhelmshaven soll im Vollbetrieb täglich zwischen 15 und 155 Gigawattstunden Erdgas in das Gasnetz einspeisen. Über die neu gebaute, rund 26 Kilometer lange Anbindungsleitung von Wilhelmshaven fließt es bis ins ostfriesische Etzel. Dort steht einer der großen deutschen Gasspeicher. Das Gas kann aber auch direkt über Pipelines an Gaskunden geliefert werden.

LNG-Terminal in Lubmin: Shuttle-Busse transportieren das Gas

Der Betrieb des Terminals in Lubmin läuft anders ab als in Wilhelmshaven: Da die Wassertiefe des Greifswalder Boddens nicht ausreicht, löschen die LNG-Tanker ihre Fracht auf See vor Rügen. Die “Seapeak Hispania” soll künftig als Zwischenlager auf der Ostsee dienen. Kleinere Tanker sollen das LNG wie mit Shuttle-Bussen durch den flachen Greifswalder Bodden zum eigentlichen Terminal in Lubmin transportieren. Über die FSRU “Neptune” in Lubmin wird das Gas dann in das deutsche Netz eingespeist.

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NDR-Reporter Jörn Zahlmann steht vor dem LNG-Terminal am Hafen Brunsbüttel. © NDR

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NDR Reporter Jörn Zahlmann berichtet von der Ankunft des schwimmenden LNG-Terminals “Höegh Gannet” in Brunsbüttel.
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Weitere LNG-Terminals sind in Brunsbüttel und Stade geplant. Am Freitag ist das schwimmende LNG-Terminal “Höegh Gannet” in Brunsbüttel angekommen. Im Februar soll der Regelbetrieb starten.

Aus Stade soll gegen Ende 2023 zum ersten Mal Gas fließen, ebenso wie aus zwei weiteren schwimmenden Anlagen in Wilhelmshaven und Lubmin. In Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven sollen dann in einigen Jahren stationäre Anlagen die schwimmenden Terminals ablösen.

Klimaschädling Methan: LNG ist umstritten

LNG soll teilweise das Erdgas aus Russland ersetzen. Als fossiler Rohstoff ist LNG aber nicht unproblematisch. So fördern die USA Erdgas zum Beispiel vor allem mithilfe der umstrittenen Fracking-Methode. Dieses Verfahren wird zur Gewinnung von Erdgas und Erdöl eingesetzt. Dafür wird dichtes Gestein aufgebrochen – das bedeutet: Mittels Bohrungen wird mit hohem hydraulischen Druck eine Flüssigkeit in das Gestein gepresst. Dadurch sollen Risse erzeugt oder bestehende Risse geweitet werden, um Gas freizusetzen. Dieser Vorgang birgt Risiken für die Umwelt – daher steht das Fracking-Verfahren in der Kritik.

Zudem besteht LNG fast komplett aus Methan, das auf dem Produktions- und Lieferweg entweichen könnte. Methan ist ungefähr 25 Mal so klimaschädlich wie Kohlenstoffdioxid und trägt stark zum Treibhauseffekt bei. Die Politik beteuert, dass die LNG-Infrastruktur in Zukunft auch für “grünen Wasserstoff” genutzt werden kann, was Kritiker bezweifeln.

Gaspreis: Wie teuer ist LNG?

LNG wird nicht gesondert mit einem eigenen Preis an der Börse gehandelt, sondern wird wie “normales” Erdgas behandelt, sobald es eingespeist wurde. Jedoch bestimmen die höheren Beschaffungspreise für LNG den Gashandel, sagt Energie-Experte Jochen Linßen. Somit kann das Flüssiggas auch den Preis für das an der Börse gehandelte Pipeline-Gas in die Höhe treiben, so der Wissenschaftler am Forschungszentrum Jülich und Professor für Gas- und Wasserstoffinfrastrukturen. Bei kurz- und langfristigen Lieferverträgen, zum Beispiel mit Ländern wie Katar oder den USA, gelten wiederum andere Preise, die vom Börsenpreis deutlich abweichen können.

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Eine Luftaufnahmen zeigt das LNG-Terminal in Wilhelmshaven. © NPorts/Wolfhart Scheer Foto: Wolfhart Scheer

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