Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnet die Kernfusion als strategische Zukunftstechnologie und rückt die Windenergie rhetorisch in die Rolle einer bloßen Übergangslösung. Das wirkt wie ein Aufbruchssignal, beruht jedoch auf einem grundlegenden Denkfehler: Technologische Entwicklungszeiträume werden mit kurzfristigen politischen Handlungsaufgaben vermengt. Die Konsequenzen wären nicht theoretischer Natur, sondern hätten konkrete energie-, industrie- und klimapolitische Auswirkungen.
Kernfusion ist ein langfristiges Versprechen
Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist ein Panel auf dem Handelsblatt-Energiegipfel 2026. Dort wurde deutlich, wie groß die Lücke zwischen politischem Anspruch und industrieller Realität der Kernfusion noch ist. „Fusion kann langfristig eine wichtige Ergänzung im Energiesystem werden“, betonte dabei der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK) zufolge Thomas Riekert, TÜV NORD-Experte und Vorsitzender der Kommission Kerntechnik des TÜV-Verbands. „Aber wir müssen ehrlich sagen: Zentrale technische und regulatorische Fragen sind noch nicht gelöst.“
In der Fachwelt gilt die Fusion unstrittig als potenziell revolutionäre Energiequelle. Gleichzeitig herrscht Einigkeit darüber, dass sie keine Lösung für die nächsten Jahrzehnte darstellt. Das spiegelt auch die offizielle Linie der Bundesregierung wider. Im „Aktionsplan Fusion“ hält das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fest, dass die Technologie keine kurzfristige Antwort auf die Energieversorgung sein kann. Der Schwerpunkt liegt auf Forschung, Infrastruktur und technologischen Demonstratoren, nicht auf dem Bau eines marktreifen Kraftwerks. Bis 2029 sind dafür über zwei Milliarden Euro vorgesehen.
Auch international bestätigt sich dieser Zeithorizont. Der International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER) hat 2024 seinen Zeitplan angepasst. Zentrale Forschungsphasen beginnen demnach erst Mitte der 2030er-Jahre. Von kommerziellem Betrieb ist dort weiterhin keine Rede.
Damit scheint es naheliegend, dass Kernfusion selbst bei optimistischen Annahmen frühestens ab den 2040er-Jahren einen nennenswerten Beitrag leisten kann. Genau diesen Zeitraum hat Merz jedoch bereits als Endpunkt der Windenergie markiert.
Zukunftsvisionen treffen auf die Gegenwart
Deutschlands Klimapolitik ist rechtlich verbindlich auf Ziele ausgerichtet, die lange vor einer möglichen Fusionswirtschaft erreicht werden müssen. Das Klimaschutzgesetz sieht deutliche Emissionsminderungen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2045 vor.
Windenergie ist dafür keine austauschbare Zwischenlösung, sondern das Rückgrat der aktuellen Strategie. Das unterstreicht auch die europäische Planung. Die Anrainerstaaten der Nordsee, darunter Deutschland, haben sich mit der Erklärung von Hamburg auf einen Ausbau der Offshore-Windleistung auf rund 300 Gigawatt bis 2050 verständigt. Solche Projekte sind auf Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten ausgelegt. Sie als vorübergehend zu bezeichnen, widerspricht ihrer Rolle im Energiesystem.
Kernfusion und Windenergie stehen damit nicht in einem technologischen Wettbewerb. Sie konkurrieren politisch um Aufmerksamkeit, Planungssicherheit und Investitionssignale. Relativiert Friedrich Merz den Ausbau der Windenergie, ohne dass Kernfusion absehbar einspringen kann, entsteht eine gefährliche Lücke.
Industrieprojekt ohne feste Leitplanken
Längst ist die Kernfusion kein reines Wissenschaftsprojekt mehr. Sie entwickelt sich rasant zu einem Industrievorhaben mit erheblichen offenen Fragen bei Technik, Regulierung und Finanzierung.
So setzen beispielsweise die meisten Reaktorkonzepte auf Deuterium-Tritium-Fusion. Tritium ist jedoch extrem selten. Eine schon 2024 im Fachjournal Atomic Energy veröffentlichte Studie machte deutlich, dass der Bedarf – ausgegangen von jährlich 50 bis 60 Kilogramm Tritium für ein Fusionskraftwerk mit einer Leistung von einem Gigawatt – die heute weltweit zivil verfügbaren Mengen deutlich übersteigt. Ohne einen funktionierenden Brutkreislauf bleibt Kernfusion also energiepolitisch fragil.
Hinzu kommen massive Herausforderungen bei Materialien und Wartung. Die extreme Neutronenbelastung führt zu Materialversprödung und Aktivierung. Diese Fragen entscheiden nicht nur über Sicherheit, sondern auch über Verfügbarkeit sowie Kosten und reichen weit über Erfolge im Labor hinaus.
Letztlich fehlt bislang ein ausgereifter Genehmigungsrahmen, wie auch Riekert betonte: „Ohne akzeptierte Regelwerke und rechtssichere Verfahren gibt es keine Investitionssicherheit.“ In Deutschland arbeitet unter anderem das Pilotvorhaben zur Regulatorik für Fusionsanlagen (ReFus) an den Grundlagen für ein künftiges Regelwerk. Das Projekt läuft laut Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht noch bis Mitte 2026, gefördert mit rund 175.000 Euro durch das BMFTR.
Der internationale Vergleich
Die USA verfolgen einen expliziten Public-Private-Ansatz: Das Energieministerium koppelt staatliche Mittel an industrielle Meilensteine und mobilisiert damit zusätzliches privates Kapital. Großbritannien geht noch weiter und finanziert mit Milliardenbeträgen gezielt den Bau eines Prototyp-Fusionskraftwerks.
Deutschland hingegen setzt bislang vor allem auf Forschung und Ökosysteme. Das ist wichtig, aber unzureichend, wenn gleichzeitig der Anspruch erhoben wird, weltweit führend bei der kommerziellen Nutzung zu werden. Kernfusion und klimaneutrale Energieerzeugung seien eine von sechs Schlüsseltechnologien, die, wie Bundeskanzler Merz Ende Oktober erklärte, „aus unserer Sicht für die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Standortes und eben für unsere Souveränität zentral sind”.
Aus Sicht der Industrie passiere bislang dennoch zu wenig. „Seit der Nutzung des Feuers ist keine neue Energieform ohne massive Anschubfinanzierung entstanden“, zitiert die ZfK Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer bei Focus Energy. „Ohne ein klares Commitment der öffentlichen Hand wird die Industrie nicht in Vorleistung gehen.“
Wolle Deutschland nicht im internationalen Wettbewerb zurückfallen, müsse die Bundesregierung zeitnah handeln, habe es von mehreren der an der Diskussion Beteiligten geheißen. So betonte auch Gauss Fusion-CEO Milena Roveda: „Wenn Fusion wirklich die große Zukunftshoffnung ist, dann muss sich das auch im politischen Handeln widerspiegeln – nicht nur in Sonntagsreden.“
Topaktuell
Eine Wette ohne Einsatz
Die Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch des Kanzlers und der industriellen Realität bleibt damit eklatant. Solange die Bundesregierung die Fusion zwar zur Chefsache erklärt, aber im Gegensatz zur internationalen Konkurrenz die notwendigen Milliarden für den Kraftwerksbau schuldig bleibt, ist die Technologie keine Strategie, sondern eine Wette.
Das eigentliche Problem ist dabei nicht die Begeisterung für die Fusion, sondern der Versuch, sie bereits heute politisch gegen die Windkraft in Stellung zu bringen. Sollte sich der optimistische Zeitplan der Fusionsbefürwortenden an der harten Realität aus Materialmangel und Tritiumknappheit verzögern, stünde Deutschland ohne Plan B da – mit einer vernachlässigten Windkraftbranche und einer Fusionsindustrie, die mangels Kapital abgewandert ist.
Quellen: Zeitung für kommunale Wirtschaft; „Deutschland auf dem Weg zum Fusionskraftwerk – Aktionsplan der Bundesregierung“ (BMFTR, 2025); Die Bundesregierung; „Demand of fusion energy for tritium and the possibility of its production in nuclear reactors“ (Atomic Energy, 2024); Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht
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