Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich für eine neuartige Nutzung der Nuklearenergie in Bayern aus. In einem Interview mit der BILD am Sonntag sprach er von einem möglichen Pilotprojekt in Bayern. Im Mittelpunkt der Debatte stehen dabei „Small Modular Reactors“, kurz SMR. Besser bekannt sind sie als Mini-AKW. Was dahintersteckt und wie realistisch die Forderung von Markus Söder ist.
Söder: „Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt“
Atomkraftwerke sind in Deutschland offiziell seit 2023 Geschichte. Nicht zuletzt wegen des Krieges in der Ukraine und den Eskalationen im Nahen Osten wird diese Entscheidung von Mitgliedern aus der Politik und Wirtschaft immer wieder kritisiert. Ministerpräsident Söder sagte im BILD-Interview: „Es war ein schwerer Fehler der Ampelregierung, die Kernkraftwerke während der größten Energiekrise abzuschalten. Für eine Rückkehr zu den alten Meilern ist es jetzt zu spät. Aber Deutschland braucht grundlastfähige und CO₂-freie Kernkraft. Deshalb setzen wir auf neue, kleinere Anlagen. Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt.“ Teil davon seien kleine Reaktoren, sogenannte SMR.
Was sind SMR?
SMR, oder auch Mini-AKW genannt, sind kleine Reaktoren mit einem oder mehreren Modulen. Ein Modul kann je nach Größe zwischen 20 und 300 Megawatt Leistung erbringen. Laut Aussagen der Europäischen Kommission können damit bis zu 7,2 Millionen Kilowattstunden pro Tag hergestellt werden.
Zum Vergleich: Ein herkömmliches Atomkraftwerk erbringt rund 1000 Megawatt Leistung und produziert bis zu 24 Millionen Kilowattstunden pro Tag. Ein SMR funktioniert dabei ähnlich wie ein konventionelles Atomkraftwerk.
Werden bereits SMR betrieben?
Ja, aber nicht in Europa. Weltweit sind insgesamt lediglich zwei SMR in China und Russland in Betrieb. Laut Angaben des Bundesamts für die Sicherheit der Nuklearen Entsorgung (BASE) ist die russische „Akademik Lomonossow“ dabei ein „schwimmendes“ Kernkraftwerk und kommt im Nordpolarmeer zum Einsatz. Bereits vor einigen Jahren berichtete die Internationale Atomenergiebehörde IAEA, dass sich Argentinien ebenfalls in einer fortgeschrittenen Phase des Baus eines SMR befinde.
Darüber hinaus wird weltweit an der Technologie geforscht. Laut Aussagen des BASE entwickeln aktuell die USA, Kanada und das Vereinigte Königreich eigene SMR-Module. Einsatzbereit sind diese bislang aber nicht.
Welche Vorteile bieten SMR?
Die größten Vorteile der SMR liegen aus Sicht der Europäischen Kommission in der Größe und den Produktionskosten. Beide Faktoren seien kleiner als bei konventionellen Atomkraftwerken.
Durch verschiedene Größen könnten die Anlagen zudem an den jeweiligen Bedarf angepasst werden. Ihre Konstruktionsweise erlaube es, die Module in Serie zu produzieren, so die Kommission. Das senke die Kosten. Eine solche Produktion gibt es aktuell allerdings noch nicht.
Gleichzeitig erleichtert der Aufbau der SMR den Transport und das Errichten der Module. Die IAEA spricht davon, dass mit SMR Energie flexibel produziert werden kann. Vor allem in abgelegenen Gebieten könnte eine Energieversorgung damit sichergestellt werden.

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Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat ein Auge auf die technologische Entwicklung der SMR.
Foto: Michael Gruber, AP, dpa (Archivbild)
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Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat ein Auge auf die technologische Entwicklung der SMR.
Foto: Michael Gruber, AP, dpa (Archivbild)
Welche Nachteile haben SMR?
Die Technologie ist zwar im Aufschwung, allerdings steckt die Entwicklung noch am Anfang. Dass SMR zu einer schnellen und kurzfristigen Energiesicherung in der aktuell angespannten Versorgungslage beitragen können, ist also eher unwahrscheinlich.
Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) weist zudem darauf hin, dass bei der Entwicklung der SMR „industrie- und geopolitische Motivlagen sowie Interessen“ eine Rolle spielen. Die meisten Länder, die aktuell SMR entwickeln, verfügen über Atomwaffenprogramme beziehungsweise ein großes „ziviles“ Atomprogramm.
Deutschland gehört nicht zu diesen Staaten. Söders Vorstoß bezieht sich vor allem auf den Plan, schnell unabhängiger von Energielieferungen aus dem Ausland zu werden. Ohne ein eigenes ausgereiftes SMR-Programm ist Deutschland aber auf die Forschung und Erfahrung aus dem Ausland angewiesen.
Zudem wären die SMR zwar günstiger, wegen ihrer deutlich geringeren Energieproduktion müssten aber auch mehr Reaktoren gebaut werden. Gemessen an der produzierten Energie bedeute das im Verhältnis, dass die Kosten für den Bau eines SMR relativ betrachtet höher sind als für ein klassisches Atomkraftwerk. Das BASE geht deshalb davon aus, dass weltweit „mehrere tausend bis zehntausend SMR-Anlagen“ gebaut werden müssten, um den Energiebedarf zu decken. „Dieses Ziel liegt in weiter Ferne“, heißt es aus dem Ministerium.
Auch Fragen rund um den entstehenden Atomabfall sind bei einem Betrieb von SMR noch nicht geklärt. Markus Söder forderte in dem BILD-Interview, alten Atommüll durch sogenannte Transmutation in der Produktion neuer Energie zu verwenden. Dazu müsste nicht nur das Transmutationsgesetz der Bundesrepublik geändert werden. Da ein SMR ähnlich wie ein konventionelles Atomkraftwerk funktioniert, würde auch bei den kleinen Reaktoren neuer Atommüll entstehen. Die Frage, wo man diesen lagert, bleibt also.
Rückkehr zur Atomenergie: EU dafür, Deutschland dagegen
Auf dem internationalen Gipfel zur Kernenergie Mitte März in Paris bezeichnete die Kommissionspräsidentin der Europäischen Union (EU), Ursula von der Leyen, die Abkehr von Atomenergie als einen „strategischen Fehler“. Die EU kündigte deshalb an, die Forschung und Investitionen im Bereich der Kernenergie zu unterstützen. SMR sind Teil der Überlegungen.
Die Bundesregierung reagierte darauf mit geteilten Meinungen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bedauere eigenen Aussagen zufolge zwar den Ausstieg aus der Atomenergie, allerdings lehnte er ab, die Entscheidung zu widerrufen.
Kritik an den Plänen der EU gab es aus den Reihen der SPD. Umweltminister Carsten Schneider – unter anderem zuständig für Reaktorsicherheit – sprach sich klar gegen die Rückkehr zur Atomenergie aus. Auch die SMR-Technologie überzeugt Schneider demnach nicht.
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Julia Mondry
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